Schlandi und Crémant

Hübscher könnte die Welt kaum sein, als an diesem Tag. Sie nippte an dem schokoladigen Kakao mit der höchstmöglichen Sahnehaube und der feinen Nelken- und Zimtnote, blickte aus dem Fenster und verlor sich im Anblick der sanft herabgleitenden Schneeflocken. Sie war sich nicht sicher, ob sie das leise Rieseln tatsächlich hören konnte, oder ob es das übliche Knistern in ihren Ohren war, das sich gnädig in das kitschige Winterbild einfügte. Sie sank noch ein bisschen tiefer in ihren kuscheligen Sessel und lächelte.
„Linda?“, wurde sie aus diesem schönen Moment gerissen. Sie wandte ihren Blick von Fenster ab und schaute in das Gesicht von Maxi, die mit großen Augen eine Antwort auf ihre Frage einforderte.
„Ob du schöne Weihnachten hattest“, wiederholte Maxi die Frage.
„Ja, entschuldige. Nicht so leicht zu beantworten.“
„So schlimm?“
„Nein. Nein. So gut. So großartig. Perfekt“. Linda lachte unsicher. Als könne sie ihre eigene Bewertung nicht ganz ernst nehmen. Maxi legte ihre Stirn in Falten, kommentierte das Gesagte nicht zusätzlich.
„Ich habe Weihnachten mit neuen Freunden verbracht“, 
erklärte Linda, „ich habe dir noch nicht von ihnen erzählt. Das war alles … verrückt.“
Sie spielte verträumt mit den Fingern in dem Flokatideckchen auf der Fensterbank. 
„Nun wir lernten uns Heiligabend in der Kneipe hier am Ende der Straße kennen. Du weißt schon, dieser kleine gemütliche Schuppen, wo regelmäßig lokale Musiktalente auftreten.“,
„Reden wir von derselben Kneipe? Die immer überfüllte Stammtischabsteige, wo eigentlich immer Radio oder Fernsehen läuft? Und wo man eigentlich nur hingeht, weil hier sonst alles schon um 22 Uhr dicht macht?“,
„Ja, nein, es gab einen Besitzerwechsel. Es ist jetzt ein Künstlercafé.“
„Ein Café? Doch keine Kneipe?“,
„Eine Kunst-Musik-Szenekneipencafébar, oder so. Egal. Jedenfalls, dort habe ich beschlossen, Heiligabend zu verbringen. Mangels Alternativen. Beziehungsweise konnte ich mich nicht für eine der Einladungen entscheiden.“
„klar.“
„Ich war dort allein. Also, ich meine nicht nur, ich bin allein dort hingegangen, sondern es waren einfach außer mir auch keine anderen Gäste dort. Trotzdem spielte ein Musik-Duo. Zwei Brüder. Ein Gitarrist und ein Sänger. Der auch Tänzer war. So … Ballet-mäßig. Super elegant. Wunderschön. Als die Frau von der Theke mir meinen zweiten Crémant brachte …“
„Crémant?“,
„ja, Crémant.“
„Seit wann trinkst du Crémant?“
„Ich liebe Crémant.“
„Kannst du mir erklären, was genau Crémant von Sekt unterscheidet?“,
„Jedenfalls, als sie mir sie mir meinen zweiten Crémant brachte, hat sie sich selbst auch einen eingeschenkt und sich zu mir gesetzt.“
„Und dann habt ihr lecker Crémant aus Crémantgläsern getrunken.“,
„ja. Schweigend. Wir wollten die Musik nicht unterbrechen. Es war so eine schöne Szene, so intim, so feierlich, ich habe meinen Skizzenblock rausgeholt und eine Zeichnung von dem Moment gefertigt, die ich …“,
„Darf ich die Zeichnung sehen?“,
„Nein. Hab ich verschenkt. Als die Brüder ihr Set durchgespielt hatten, setzten sie sich zu uns und waren ganz verzaubert von dem Bild. Ich habe es ihnen überlassen. Wir redeten stundenlang über alles. Unsere Leben, unsere Träume. Die Brüder, Rafael und Michael ziehen, seit sie 16 sind, nur mit ihrer Gitarre durch Europa und leben von spontanen Auftritten, und verfügen trotz ihres bescheidenen und harten Lebens über unerschöpfliche Lebensfreude. Und Thekla …“
„Thekla? Die Frau von der Kneipe?“,
„genau.“,
„die Frau an der Theke heißt Thekla?“,
„Ja. Jedenfalls, sie ist unglaublich lustig, schlagfertig. Energetisch. Ist so unkonventionell. Aufgewachsen in einer sehr spießbürgerlichen Adelsfamilie, jedoch mit 13 schon abgehauen, um ihr eigenes Leben fernab der Erwartungen ihrer tyrannischen Familie zu gestalten.
Unglaublich spannende Menschen. Wir schlossen uns alle gegenseitig schnell ins Herz. Nach vielen Stunden tiefgründiger Gespräche, beschlossen wir, weiterzuziehen. Die Nacht unter freiem Himmel zu verbringen. Thekla machte uns eine Thermoskanne voller Glühwein fertig …“,
„Nicht etwa Glühcrémant?“,
„… und wir zogen, nachdem sie den Laden zugemacht hatte, durch die Straßen. Singend. Tanzend. 
Dann wurden wir plötzlich angebrüllt. Als Abschaum und Gesindel beschimpft.“
„Spießige Rentner, denen ihr zu laut wart?“
„Nein. Nazis.“,
„ui.“,
„Sie waren zu zweit und hatten einen Schäferhund dabei. Sie riefen, dass wir verdammten Hippies nichts in ihrem Land verloren hätten. Dann ließ der eine den Hund von der Leine und rief: ,Los Deutschland, schnapp sie dir!’“,
„Der Hund hieß ,Deutschland‘?“,
„Ja, und Deutschland war hungrig. Deutschland stürmte gierig und unbarmherzig auf uns zu. Wir fassten uns gegenseitig an den Händen und liefen davon. Bis wir uns über einen Zaun in eine Baustelle retten konnten. Deutschland knurrte und zeigte uns, dass wir vor ihm nicht sicher wären. Die Nazis lachten.“
„starkes Bild.“,
„Dann fiel mir ein, dass ich noch ein Butterbrot in der Tasche hatte. Ich rupfte etwas davon ab und warf es über den Zaum. Deutschland schnappte es sich. Und die Aussicht auf mehr davon beruhigte ihn sofort. Ich warf weitere Stückchen rüber und Michael und Rafael spielten besänftigende Musik, bis der Schäferhund friedlich und fröhlich vor uns stand.
Die Nazis waren über die neuerlangte Friedlichkeit ihres Hundes natürlich alles andere als glücklich. Sie eilten zum Zaun und holten zum Tritt gegen das Tier aus. Doch Thekla war schneller, sie schwang sich über den Zaun, kickte noch im Sprung einen der beiden zu Boden und rief: ,Lasst Deutschland in Frieden, ihr verkackten Nazis!‘  
Wir anderen kletterten auch wieder rüber und der Hund, der nun verstand, wer für, und wer gegen ihn war, schloss sich uns an, und nun zu fünft schlugen wir die Nazis in die Flucht.
Das war das. Ich bot an, dass wir auf den Schock bei mir entspannen könnten. Und das taten wir. Und verbrachten noch beide Weihnachtstage bei mir. Kochten und aßen gemeinsam, redeten, lachten, tranken, schlossen eine tiefe Freundschaft, die wohl ewig halten wird. Den Hund habe ich selbstverständlich bei mir aufgenommen.“
„Du hast jetzt einen Hund namens Deutschland?“,
„Ich nenne ihn jetzt Schlandi. Er liegt oben vorm Kamin.“
„Du hast einen Kamin? Du hast ein ,oben’?“
„Nun, jedenfalls, das war mein Weihnachten. Mit neuen Freunden. Den besten, die man sich nur wünschen kann. Dass wir uns gefunden haben, und dass wir den Abend heil überstanden haben, grenzt wohl an ein Wunder.“
Maxi schwieg. Sehr laut.
„Ein Weihnachtswunder“, legte Linda nach.
„Nichts von alledem ist wirklich passiert, oder?“, fragte Maxi.
„Natürlich nicht“, gab Linda unmittelbar zu, „aber war das wirklich so offensichtlich?“
„Ja.“, kommentierte Maxi unmittelbar.
„Oh, okay, dabei habe ich den Part mit dem Gruppensex sogar noch ausgespart. Nun. Aber machst du so etwas nie?“
„Was. Lügen?“,
„Nein. Träumen. Wachträumen. Also … Ich habe das jetzt nicht erfunden. Also schon. Aber nicht jetzt. Das sind eben so die Geschichten, die sich in meinem Kopf abspielen. Das macht doch jeder.“,
„Ja, irgendwie schon, aber vielleicht nicht in diesem Ausmaß. Andere Leute …“,
„Haben eben nicht so viel Phantasie wie ich?“
„Ja. Auch. Ich wollte aber eher sagen, dass andere Leute vielleicht doch ein wenig mehr im Jetzt leben.“, merkte Maxi behutsam an.
Linda wandte ihren Blick erneut aus dem Fenster, blickte durch den Regen und nippte an ihrer Instantschokolade, die ein wenig zu penetrant nach dem billigen Rum darin schmeckte. 
„Aber das Hier und Jetzt ist doch scheiße.“,
„Klar. Besonders, weil du die Realität ständig mit einem bis ins Absurdeste gesteigerten Ideal abgleichst.“
„Was ist so schlimm daran, in der idealeren Version der Welt zu leben?“, fragte Raphael, der in dem Moment leichtfüßig hereintänzelte und sich auf Lindas Sessellehne niederließ. Michael folgte ihm auf dem Fuße, zupfte eine kleine Melodie und setzte sich auf die zweite Lehne. Linda wiederholte die Frage für Maxi, die ein wenig überlegte, ehe sie antwortete:
„Es ist nichts dabei, sich auch mal in schönen Vorstellungen und Phantasien zu verlieren. Im Gegenteil, das ist ganz wunderbar. Solange man es noch schafft, die Gedanken auch wieder ziehen zu lassen. Solange sie das echte Leben nicht …“,
„verdrängen?“, warf Linda traurig ein.
„Inzwischen eher verhindern. Weil du nichts mehr tust, was in einem Vergleich mit deiner verklärten Version der Welt schlechter abschneiden würde. Aber die echte Welt kann diesen Vergleich gar nicht gewinnen. Denn im Gegensatz zu deiner Fantasie, ist die Welt nunmal … echt.“,
Linda musste kichern, da Thekla sich in den Hintergrund platziert hatte, und Maxi nachäffte, indem sie ihre Rede wortlos mit affek­tierten Gesten kommentierte. Maxi redete unbeirrt weiter:
„Wie viele Dinge hast du schon nicht getan, wie viele echte Menschen nicht kennengelernt, wie viele Chancen verstreichen lassen, weil es nicht so besonders, so wild, so extrem geworden wäre, wie das Leben, das du dir ausdenkst?“
Lindas Kichern verstummte. Sie wischte ein wenig Staub von der Fensterbank.
„Du schadest deiner echten Welt. Beziehungsweise, deinem Blick auf diese. Sie bleibt durch deine Geschichten ja nicht unberührt. Jedes Mal wenn du aus ihnen in die Realität zurückkehrst, ist diese ein Stückchen …“
Maxi beendete den Satz nicht. 
Linda stand von ihrem Hocker auf und schaute aus dem Fenster. Der Regen schien ihr grauer und trister als zuvor. 
„Du hast ja Recht.“, brachte sie kraftlos hervor, „Wie immer. Du hast mich einfach schon wieder durchschaut.“,
„Natürlich habe ich das.“
Linda entriegelte das Fenster und öffnete es. Ein Wind durchfuhr die Wohnung, ergriff ihre drei Weihnachtsfreunde, die mit einem überraschten „huiiii“ durch das Fenster nach draußen und hoch in den Himmel geweht wurden. Michael begleitete das Geschehen mit lustigem Slapstick-Gitarrengeklimper, das langsam leiser wurde, je weiter fort das Trio in den Himmel fuhr. Linda schaute ihnen noch lange nach. Zuletzt näherte sich ein heiteres Tapsen und hecheln aus der Wohnung. Schäferhund Schlandi kam aus dem nicht existenten zweiten Stock geeilt und sprang neben Linda ab, durch das Fenster und flog mit fröhlichem Gewuffe dem Rest der Bande hinterher. 
Die Wohnung war nun still. Nur das Plätschern des Regens war zu hören. Und Lindas Ohrenpfeifen.

„Ich sollte dann jetzt aber wohl auch mal gehen“, sagte Maxi, klopfte sich auf die Oberschenkel und stand auf.
„Ja, schätze das solltest du wohl“, stimmte Linda traurig zu. Maxi schritt zu ihr und umarmte sie fest. „Sei nicht traurig. Ich werde sicher mal wieder vorbeikommen.“ 
Als sie die Umarmung auflöste, streichelte sie Lindas Wange und gab ihr einen langen, weichen Kuss, den Linda überrascht und doch ganz selbstverständlich erwiderte. Ihre Lippen trennten sich voneinander, als Maxi rückwärts leuchtend, von hochfrequentiertem Engelsgesang begleitet aus dem Fenster schwebte, immer weiter in die Höhe, immer weiter fort, bis das Dämmern des Abends sie wie die anderen zuvor langsam verblassen ließ. 

Linda blieb zurück. Schaute durch den Regen und fühlte nichts. Bis sich durch dieses Nichts langsam etwas bahnte, das womöglich noch zu einer neuen Lust auf das Leben heranwachsen könnte.
Sie griff ihr Handy, tippte und scrollte sich durch Menüs, bis sie angekommen war, wo sie hinwollte. 
„Hey Maxi“, schrieb sie, „ich weiß ich habe mich ewig nicht gemeldet. Es tut mir leid. Wie geht es dir?“

 


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Entstanden für die 22. Ausgabe von „Deis und Ella lesen Dinge vor“ #LesiDinge

Thema: Der wahre Kern von Weihnachten

alle 2 Monate streamen wir live auf twitch.tv/hirnbraten 

 

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