Posts

Bertram B. der Betrüger

Bild
 Bertram B. war von Beruf Büroangestellter. Mal vor Ort im Betrieb, mal in den eigenen vier Wänden, erledigte er Dinge, die im Großen und Ganzen darin bestanden, dass er durch Wörter und Zahlen, die er in Listen oder Tabellen ein-, aus- oder umtrug, Vorgänge beschleunigte, Klarheiten schuf, Sachverhalte präzisierte, Ergebnisse erzielte, oder auch einfach dafür sorgte, dass Listen und Tabellen existierten, wo es vorher keine gab. Mal über Videotelefonat, mal vor Ort erklärte er oft Kundschaft, Vorgesetzten, Unter- oder Gleichgestellten mithilfe großer Infografiken und auflockerndem Bildmaterial, den Status quo, die Ziele oder die schon eingetretenen Ergebnisse seiner Erledigungen. Bertram wurde für seine Arbeit und seine Person hoch geschätzt. Er war angenehm im Wesen und die Dinge, die er tat, mussten, da bereits erledigt, von niemand anderen getan werden, was eben jenen anderen sehr gefiel. Und da sie die Gewissenhaftigkeit des Kollegen B. kannten, vertrauten sie darauf, dass sie ...

Wir haben es verschissen

Bild
 Es war vollbracht. Nach Jahren der Forschung war es gelungen, das wohl best erhaltene Schriftstück aus lang vergangener Vorzeit zu entschlüsseln.  Ein Gemeinschaftsverdienst, wie es alles war, was die Erdbevölkerung zustande brachte. Federführend war es aber einem bestimmten Abkömmling dieser zuzuschreiben. Also einem jener Wesen, das vom Menschen in seinem Drang, sich selbst als Standard für alles zu nehmen, wohl als „Fischmensch“ bezeichnet worden wäre. Doch Menschen gab es längst nicht mehr, und lange boten nur die algenbewucherten Ruinen klotziger Gebäude Hinweise auf ihre Existenz. Doch die Klügsten unter den Fischmenschen, hatten bereits einiges über die ausgestorbene Spezies herausgefunden. Zunächst, dass zu deren Zeit noch viele Teile der Erde oberhalb des Wasserspiegels lagen, wo die Menschen ihren Lebensraum hatten. Dank Knochenfunden hatte man zudem ein recht klares Bild, wie die Primaten ausgesehen haben mussten. Auch wenn man sich noch nicht ganz einig war, ob si...

Schlandi und Crémant

Bild
Hübscher könnte die Welt kaum sein, als an diesem Tag. Sie nippte an dem schokoladigen Kakao mit der höchstmöglichen Sahnehaube und der feinen Nelken- und Zimtnote, blickte aus dem Fenster und verlor sich im Anblick der sanft herabgleitenden Schneeflocken. Sie war sich nicht sicher, ob sie das leise Rieseln tatsächlich hören konnte, oder ob es das übliche Knistern in ihren Ohren war, das sich gnädig in das kitschige Winterbild einfügte. Sie sank noch ein bisschen tiefer in ihren kuscheligen Sessel und lächelte. „Linda?“, wurde sie aus diesem schönen Moment gerissen. Sie wandte ihren Blick von Fenster ab und schaute in das Gesicht von Maxi, die mit großen Augen eine Antwort auf ihre Frage einforderte. „Ob du schöne Weihnachten hattest“, wiederholte Maxi die Frage. „Ja, entschuldige. Nicht so leicht zu beantworten.“ „So schlimm?“ „Nein. Nein. So gut. So großartig. Perfekt“. Linda lachte unsicher. Als könne sie ihre eigene Bewertung nicht ganz ernst nehmen. Maxi legte ihre Stirn in Falten...

Der Mann, der in der Ecke stand

Bild
 Das Wetter war seit Wochen trüb. Ihre Gedanken waren es auch. Schon eine ganze Weile war nichts wirklich gut, doch befand sie sich wenigsten unter Freundinnen.  Diese Momente waren ihre Oasen und sie war dankbar, dass sie ihr so oft vergönnt waren. Die Abende mit ihren drei Besten. Seit dem Studium trafen sie sich mindestens einmal die Woche. Nicht selten noch öfter. Es waren die Menschen, mit denen Miriam mit Abstand die meiste Zeit verbrachte. Mehr als mit ihren Eltern, zu denen sie ein recht zerrüttetes Verhältnis hatte. Und ein Partner war da ohnehin nicht, seit er sie verlassen hatte. Ohne wirkliche Begründung. Aus ihrer Sicht war eigentlich alles gut gelaufen und nun ist er fort und sie folgt ihm nur noch im Internet. Sieht Fotos von ihm auf Reisen in tropischen Ländern, oder posierend vorm neuen Auto. Wo war der Geiz nur hin, fragte Miriam sich, der ihn während der Beziehung von solchen Ausgaben, die damals ihnen beiden zu Gute gekommen wären, abgehalten hatte? Aber se...

Gesegneten Wein verschwendet man nicht

Bild
Ein Mann stand in der Nacht vor einer Tür, deren Anblick etwas in ihm weckte. Ohne ein Ziel, ohne einen Plan griff er nach der Klinke, drückte sie herunter und zog. Die Tür zur Sakristei war unverschlossen. Was für ein Zufall. Oder auch nicht. Nein, eigentlich kam es immer schon sehr oft vor, dass sie nicht verriegelt war. Nicht, weil man sich hier im Ort so sehr vertraute, sondern weil die Küsterin einfach nur oft vergaß abzuschließen. Überall sonst in ihrem Leben hatte sie es immer nur mit Haustüren zu tun gehabt, die von Außen einen Knauf besaßen, mit dem man sich, wenn zugezogen, nicht so einfach Zutritt verschaffen konnte, und wenn sie auch insgesamt sehr gewissenhaft war, so hatte sie doch erhebliche Schwierigkeiten damit, sich an Dinge zu gewöhnen, die nicht ihrer gelernten Norm entsprachen.  Früher, als Kind hatte er oft extra einen Umweg gemacht, um zu prüfen, ob die Tür abgeschlossen war. War sie es nicht, ist er mit stolzgehorsamen Eifer die zwei Straßen zum Haus der Küs...

Kaulquappe

Bild
   Er schwamm. Immer schon. Kannte nichts anderes. Bewegte sich sachte in der ihn umgebenden Flüssigkeit hin und her, soweit der begrenzte Raum es zuließ. So war es immer schon gewesen. Aber was war dieses „immer schon“, bzw. wie lange? Hatte es schonmal ein „immer schon“ gegeben? Zum Beispiel gerade eben noch? Vor Kurzem? Da war doch noch alles anders gewesen, oder? War da nicht irgendwas, das er vergessen, oder falsch in Erinnerung hatte? Es war ihm, als sei er eben noch nicht diese Kaulquappe gewesen, die im engen Raum umher schwamm und sonst nichts tat. Er erinnerte sich dunkel an ausufernde Extremitäten an seinem ohnehin viel stabileren Körper. Er hatte das Gefühl, sonst war da mehr „Außen“ gewesen. Ein Boden. Und etwas anderes, als diese Flüssigkeit, die ihn umgab. Schwer zu beschreiben, was es war – eben einfach das Fehlen der Flüssigkeit. Und was hörte er? Er glaubte, auch vorher Dinge gehört zu haben, aber anders. Unterscheidbarer. Lauter. Konkreter. Nicht dieses endl...

Des Kaisers alte Scheiße

Bild
  Es lebte einst ein Kaiser, der liebte sein Volk über alle Maßen. Pardon, sagte ich „sein Volk“? Verzeiht mir diesen Irrtum, ich meinte „sich“. Er liebte sich. Über alle Maßen. Er konnte vom Anblick seines eigenen Spiegelbildes nicht genug bekommen. Auch der Klang der eigenen Stimme verzückte ihn und nichts fühlte sich besser an, als die eigene Hand am eigenen Körper. Er ließ keine Gelegenheit verstreichen, sein Volk daran zu erinnern, was für ein Glück es doch hatte, ihn ihr Oberhaupt nennen zu können. Dass sie sich auf seine Unfehlbarkeit stets verlassen könnten. Und viele seines Volkes glaubten ihm und waren ehrlich erleichtert, sämtliche Zweifel und eigenes Denken abgeben zu können. Und jene im Volk, die an der Unfehlbarkeit zweifelten, schalt man Lügner, Schwarzmaler und Schlimmeres. Und so lebte es sich, vielleicht nicht gut, aber es lebte sich im Land. Der Kaiser war glücklich. Fast. Je länger er seine Überlegenheit betrachtete, desto mehr gelangte er zu der Überzeugung, da...