Wir haben es verschissen
Es war vollbracht. Nach Jahren der Forschung war es gelungen, das wohl best erhaltene Schriftstück aus lang vergangener Vorzeit zu entschlüsseln.
Ein Gemeinschaftsverdienst, wie es alles war, was die Erdbevölkerung zustande brachte. Federführend war es aber einem bestimmten Abkömmling dieser zuzuschreiben. Also einem jener Wesen, das vom Menschen in seinem Drang, sich selbst als Standard für alles zu nehmen, wohl als „Fischmensch“ bezeichnet worden wäre. Doch Menschen gab es längst nicht mehr, und lange boten nur die algenbewucherten Ruinen klotziger Gebäude Hinweise auf ihre Existenz. Doch die Klügsten unter den Fischmenschen, hatten bereits einiges über die ausgestorbene Spezies herausgefunden. Zunächst, dass zu deren Zeit noch viele Teile der Erde oberhalb des Wasserspiegels lagen, wo die Menschen ihren Lebensraum hatten. Dank Knochenfunden hatte man zudem ein recht klares Bild, wie die Primaten ausgesehen haben mussten. Auch wenn man sich noch nicht ganz einig war, ob sie gänzlich nackt, oder mit dichtem Fell bedeckt waren. Aufdrucke auf Gegenständen, die besonders bei Fischmenschen-Kindern sehr beliebt waren, zeigten Menschen meist noch mit Hörnern und schuppiger Panzerhaut, auch wenn dies längst nicht mehr dem wissenschaftlichen Stand entsprach.
Neben den Äußerlichkeiten wusste man, dass der Mensch durchaus intelligent gewesen sein musste und über beeindruckende Technologien verfügt hat. Doch die Sprache – das Mittel der Kommunikation konnte lange Zeit noch nicht hinreichend erforscht werden. Zwar hatte man einige Relikte entdeckt, die Fragmente einer Verschriftlichung von Sprache aufgewiesen hatten, allerdings zu wenige, um daraus eine vollständige Sprache zu entschlüsseln. Bis irgendwann bei einer Überwassermission dieses Schriftstück entdeckt wurde. Nahezu ein Wunder, dass es so gut erhalten war. Man konnte es wasserdicht verschießen und zur Erforschung unter Wasser bringen.
Es war nicht nur der anfangs bereits erwähnte Fischmensch, den wir an dieser Stelle, einfach mal „Blubb“ nennen, so zumindest hätte ein Mensch seinen Namen wohl verstanden, sondern ein ganzes Team aus Fischmenschen, die die unleserlichen Stellen restauriert hatten, verschiedene Passagen aufgeteilt und in jahrelanger Kleinstarbeit analysiert, und mit anderen Schriftfunden abgeglichen hatten.
Blubb war jedoch dasjenige Fischmenschenexemplar, das darüber hinaus das Projekt koordiniert, die Ergebnisse der übrigen Forschenden zusammengetragen und abschließend bewertet hatte. Und so fügte Blubb eines Tages die letzten Puzzleteile zusammen und schwamm als erstes Fischwesen vor dem endgültig entschlüsselten Text. Es hatte, wohlspürend, sich kurz vor diesem Durchbruch zu befinden, bis in die Nacht daran gearbeitet und war nun allein im Forschungsinstitut. Zitternd vor Ekstase, in Erwartung als erster Fischmensch nun zu lesen, was ein Mensch-Mensch vor Ewigkeiten einmal zu sagen hatte.
Also fing Blubb an zu lesen.
Hallo.
Ich schreibe diese Zeilen, weil ich nicht weiß wohin sonst mit meinen Gedanken. Sie an die Öffentlichkeit zu richten, das scheint mir an dem Punkt, an dem wir stehen, irgendwie unnütz. Zu spät. Eine Stimme von vielen, die die Dinge so sehen wie ich. Aber das sind am Ende auch nur viele Stimmen die ungehört bleiben von denen, die vielleicht tatsächlich noch einen Unterschied machen könnten. Ungehört, aus Desinteresse, weil unsere Angst für sie nicht von Bedeutung ist. Oder doch gehört, aber hingenommen, weil unser Elend, erst dafür sorgt, dass es ihnen so fantastisch geht. Aber aller Aussichtslosigkeit zum Trotz, raus müssen sie doch, meine Gedanken. In der Hoffnung, dass ich sie dadurch ein stückweit ziehen lassen kann und es mir ein wenig leichter ums Herz wird, während ich den Rest meiner Zeit auf diesem stinkenden Trümmerhaufen namens Erde verbringe. Ach, ich glaube nicht einmal daran, dass das mit dem leichteren Herzen funktioniert, aber sei es drum.
Nun bin ich aber auch Kind der Zeit, in der sich fast jeder irgendwie nach einer Art Publikum sehnt, weswegen es mir schwerfällt, hier nur in Tagebuchform zu schreiben. Also sag ich einfach mal, ist dies ein Brief. An vermutlich niemanden. Aber, einfach für meinen Kopf: Ist dieser Brief für dich. Für dich, der du das liest, in der Hoffnung, dass du ein nicht menschliches Wesen in einer fernen Zukunft bist, in der sich der Planet von uns kurzsichtigem Parasiten namens Mensch längst erholt hat. Ich weiß es nicht mehr anders zu formulieren: Wir Menschen haben es verschissen.
Blubb stockte, nachdem es diesen ersten Part dechiffriert und seinen Inhalt einigermaßen verstanden hatte. Es schien Blubb traurig im Ton. Schade. Ein wenig hatte das Fischwesen auf Positiveres gehofft. Tatsächlich hatte weder es, noch irgendein Abkömmling der Fischigen jemals so einen Trübsinn verspürt, wie Blubb ihn aus diesem Schriftstück deutete. Blubb tröstete sich aber mit dem heiteren Gedanken, dass die Hoffnung des Menschen nun erfüllt wurde. Ein Wesen aus ferner Zukunft liest nun tatsächlich diesen Brief.
Und dann war da dieses Wort „verschissen“, das Blubb nicht genau zu deuten wusste. „Schiss“ schien einer von vielen Begriffen zu sein, die das menschliche Defäkieren beschrieben. Blubb deutete dies in diesem Zusammenhang also als eine Art Sinnesübertragung hin zum allgemeinen „Erleichtern“. Der Mensch wollte demnach hier andeuten, dass trotz all dem Negativen, das sein Herz so betrübt hatte, die Menschheit doch in irgendeiner Form Erleichterung erfahren hat. Blubb las weiter:
Während die Menschheit bereits sehenden Auges in die Klimakatastrophe gerast ist, führen die Regierungen, statt sich gegen die Rache der Natur zu wappnen, immer noch lieber Kriege, für das Erweitern der eigenen Macht. Durch all diese Katastrophen und Konflikte explodieren die Kosten in sämtlichen Bereichen des Lebens und viele, ich zum Beispiel, stehen plötzlich vor der Tatsache, dass man sich das Leben, wie man es bisher geführt hat, selbst wenn dies recht bescheiden war, wie meins zum Beispiel, plötzlich nicht mehr leisten kann. Und die Mächtigen, statt ihre Möglichkeiten zu nutzen, es uns einfacher und günstiger zu machen, und diese Möglichkeiten hätten sie, bereichern sich nur weiter und benennen für die, die unter die Räder zu geraten drohen, willkürlich Schuldige für die Misere. Menschen mit Migrationshintergrund. Arbeitslose. Queere Menschen. Einfach weil, warum nicht? Und das Bittere: So viele Menschen sind noch immer bereit, es den Mächtigen einfach … zu glauben? Und ihren Hass gegen die zu richten, die es ohnehin längst schon schwerer haben, die noch schlechtere Chancen in dieser Welt haben. Dabei ist Wut, vielleicht sogar Hass, tatsächlich angebracht. Aber wieso trifft er denn die Falschen? Wieso nicht die, die im Überfluss leben, und von jenem Überfluss noch immer nichts hergeben wollen? Ist es das naive Hoffen, eventuell in der kurzen Zeit, die uns als Menschheit noch bleibt, selbst noch in die Gesellschaftsschichten der Reichen aufzusteigen? Wie tief müssen die Leute denn noch sinken – ich meine nicht geistig, sondern rein gesellschaftlich – wie sehr müssen sie noch verarmen, bis sie merken, dass man für sie gar keinen Wohlstand vorsieht, und das Sichern des Wohlstandes, das so oft gepredigt wird, wenn es heißt, wir müssen mehr arbeiten, immer schon nur den Wohlstand derer meinte, die ihn längst schon hatten?!
Blubb hielt erneut inne. Es hatte eine ganze Weile gedauert, dem Text bis hierhin zu folgen, und auf viele der Wörter konnte das Fischwesen sich keinen Reim machen, so sehr es sich auch bemühte. Zum Beispiel: Was war Kriege? Eine Art Bereicherung, da es von „kriegen“ kam? Womöglich, denn von Bereicherung war auch an anderer Stelle zu lesen, und Blubb deutete dieses „Krieg“ also als eine Methode, mehr zu bekommen, als man zuvor hatte, nur verstand das Fischwesen nicht, was daran denn so verkehrt sein sollte, denn es las sich in den Zeilen des Menschen so negativ. Blubb war auch verwirrt von den Andeutungen, dass manche viel, und andere wenig hatten. Wie konnte so etwas überhaupt zustande kommen, wenn doch allgemein viel da war? In der Hoffnung, dass einiges sich aus weiteren Zusammenhängen, oder späteren Forschungen ergeben würde, las Blubb erstmal weiter:
Ich frage mich, wann es mit der Menschheit angefangen hat, so beschissen zu werden. Ab wann ging es den Bach runter? Ich komme irgendwie zu dem Schluss, es ist Geld. Im weitesten Sinne. Eben der Punkt, an dem der Mensch angefangen hat, Gegenleistungen zu erwarten. Sprich. Sich bezahlen zu lassen, statt einfach Dinge füreinander zu erledigen, damit man in einer Gemeinschaft gut und sicher zusammen funktioniert. Ohne zu bewerten, wer mehr, oder wer weniger leistet. Ohne darauf überhaupt zu schauen. Sondern stattdessen einfach aufeinander zu schauen. Aber dann hat man angefangen, Dingen einen Wert zu geben. Und es hat sich so willkürlich entwickelt, welche Dinge welchen Wert besitzen. Man hat getauscht. Seine Dienste und Waren nicht mehr geteilt, um zum Gemeinwohl beizutragen, sondern nur noch für eine Gegenleistung hergegeben. Und später dann für diesen Zweck aus dem Nichts Geld kreiert und einfach beschlossen, dass dieses Zeug nun Wert darstellt. Und Dinge beziffert. Und die Menschen selbst haben sich unterteilt und sich auch verschiedene Werte gegeben. Man hat zum Beispiel beschlossen, dass ein Mann mehr wert sei als eine Frau.
So viel, was Blubb nicht verstand. Für den Fischmenschen war es das Normalste der Welt, Dinge eben einfach zu tun. Für sich und füreinander.
Dann weitere Worte, die Blubb Schwierigkeiten bereiteten. Beispiel: Was war Mann, was war Frau? War am Ende der Mensch eine übergeordnete Gattung gewesen, die sich noch einmal in andere Unterarten unterteilte? Das würde wissenschaftlich nochmal ein ganz neues Licht auf die Menschheit werfen. Blubb las weiter:
Warum eine Frau weniger wert sein soll? Was weiß ich. Weil man beschlossen hat, dass die Fähigkeit, Leben in sich heranwachsen zu lassen, sie eher zu wohlgeformten Brutkästen macht? Keine Ahnung. Hat man aber beschlossen.
„Aaah“, blubberte das Fischwesen, das glaubte, nun die vorangegangene Unklarheit gelöst zu haben. Der Mensch hatte sprachlich eine Unterscheidung innerhalb der eigenen Art festgelegt, je nachdem, welche Fortpflanzungsorgane das jeweilige Exemplar in sich trug. Das konnte sicherlich praktische Vorteile haben. Nur, dass man diese Unterscheidung an gewisse Werte geknüpft hatte? Kurios. Auf die Idee, dass jene Fischwesen, die den Nachwuchs austragen, weniger wert sein könnten, als jene, die sie im Vorfeld befruchten, sofern sich bei einer lustvollen Verbindung mehrerer Fischwesen zufällig diese Organ-Konstellation ergibt, auf die Idee war Blubb noch nie gekommen und grübelte über Hinweise, die dafür sprechen könnten, dass die gebärenden Fischwesen weniger wertig sein könnten als er. Währenddessen las er weiter:
Und besonders hat man beschlossen, dass Menschen, die viel von diesem willkürlich konstruierten Zahlungsmittel haben, mehr Wert sind als die mit wenig oder gar keinem. Und gleichzeitig hat man beschlossen, dass Menschen, die (angeblich) mehr Wert sind, mehr von diesem willkürlich konstruierten Zahlungsmittel verdienten. Womit sie … noch mehr bekamen, und den selbstgegebenen Selbstwert dadurch noch steigern konnten, um dann wiederum sagen zu können, dass sie deswegen NOCH mehr verdienten. Ja. Irgendwie ist über die Zeit dieser Gedanke gewachsen: Wer viel hat, muss wertvoll sein. Und vielleicht hat man dann durch Mehr-Haben das berauschende Hochgefühl des Glücks für sich kennengelernt, dadurch dass man sich im Vergleich mit armen Menschen gesehen hat.
Blubbs Kopf schwirrte. Ihm schienen die Formulierungen in dem Brief zeitgleich plumper und doch komplizierter zu werden. Als hätte dem Menschen, der es verfasste mit der Zeit etwas die Sinne benebelt. Aber auch abseits der Formulierungen, die zu entschlüsseln kniffliger wurden, warf der Brief auch inhaltlich weitere Fragen auf. Das grundsätzliche Konzept Glück durch Vergleichen zu erfahren verstand Blubb durchaus. Dass sich zum Beispiel das Schwimmen in höheren Gebieten besser, schöner und leichter anfühlte, wusste er vor allem, durch den Vergleich, dass es in tieferen Ebenen schwerer und anstrengender war. Ja, solche Vergleiche konnten also glückbringend sein. Nur, dies auf Mitfischmenschen zu beziehen, denen es weniger gut geht, auf die Idee war wohl noch niemand gekommen. Er las weiter:
Mehr haben hieß Macht. Und eben durch diese Macht besaßen die Reichen irgendwie auch Menschen selbst. Nämlich eben die, mit wenig Wert und wenig Macht. So hatten die mit viel also noch mehr. Noch mehr Hochgefühl. Bei gleichzeitigem Desinteresse über das Befinden der in ihren Augen Geringeren. Denn denen wurde ja eh bereits ein geringer Wert angedichtet. Und dadurch auch ihren Leistungen und Beiträgen zum Zusammenleben. Da konnte noch so viel geleistet werden, es ist nun mal beschlossen weniger wert. Also was kümmerts die Reichen, wenn es den Armen schlecht geht. Wenn sie Angst haben und ausgelaugt sind? Sie könnten doch auch einfach … Mehr willkürlich festgelegtes Zahlungsmittel verdienen und ihren Wert dadurch steigern. Wie frei und leicht müssen sich die Köpfe jener Reichen und Mächtigen anfühlen, die diese selbstdefinierte Wahrheit so verinnerlicht haben. Mich tröstet einzig noch der Gedanke, dass auch sie von den Katastrophen nicht ewig verschont bleiben werden, die auf die Menschheit zukommen. Durch unsere eigene Dummheit.
Ach du, der du diesen Brief einmal liest. Macht ihr es doch bitte besser als wir. Man stelle sich doch vor, die Gesellschaft hätte immer einfach Dinge füreinander getan, um in Glück und Frieden zusammenzuleben. Wie schön wäre die Ära der Menschen verlaufen, wenn da nie etwas gewesen wäre, was diesen ursprünglichen Gedanken ins Leben gerufen hätte, man müsse einen Gegenwert für Geleistetes verlangen?!
Aber nun, es ist wie es ist, und es ist beschissen.
Mir bleibt also im Namen meiner Spezies nur zu sagen, verzeiht das Chaos, das wir hinterlassen haben.
Liebste Grüße
Ein Mensch.
Blubb starrte lange auf das Gelesene und dachte nach. Ekstase und Müdigkeit vermischten sich, und diese urzeitliche Sprache und Ausdrucksweise zu übersetzen war mühselig und kompliziert, wie er gerade zum Ende des Textes feststellen musste, bei dem seine Konzentration spürbar nachgelassen hatte. Stunden waren vergangen, seit er mit dem Lesen und Deuten begonnen hatte. Ein neuer Tag war angebrochen und inzwischen fanden sich weitere Fischmenschen im Institut ein, um ihre Forschungen zu betreiben. Darunter ein Fischmensch aus Blubbs Team, der in das Labor geschwommen kam. Eine Fischfrau, so befand Blubb.
„Es ist fertig entschlüsselt?“, blubberte sie aufgeregt,
„lässt du es mich lesen?“
Blubb überlegte kurz.
„Was krieg ich dafür?“
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Entstanden für die 23. Ausgabe von „Deis und Ella lesen Dinge vor“ #LesiDinge
Thema: Zukunft
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