Bertram B. der Betrüger

 Bertram B. war von Beruf Büroangestellter. Mal vor Ort im Betrieb, mal in den eigenen vier Wänden, erledigte er Dinge, die im Großen und Ganzen darin bestanden, dass er durch Wörter und Zahlen, die er in Listen oder Tabellen ein-, aus- oder umtrug, Vorgänge beschleunigte, Klarheiten schuf, Sachverhalte präzisierte, Ergebnisse erzielte, oder auch einfach dafür sorgte, dass Listen und Tabellen existierten, wo es vorher keine gab. Mal über Videotelefonat, mal vor Ort erklärte er oft Kundschaft, Vorgesetzten, Unter- oder Gleichgestellten mithilfe großer Infografiken und auflockerndem Bildmaterial, den Status quo, die Ziele oder die schon eingetretenen Ergebnisse seiner Erledigungen. Bertram wurde für seine Arbeit und seine Person hoch geschätzt. Er war angenehm im Wesen und die Dinge, die er tat, mussten, da bereits erledigt, von niemand anderen getan werden, was eben jenen anderen sehr gefiel. Und da sie die Gewissenhaftigkeit des Kollegen B. kannten, vertrauten sie darauf, dass sie seine Ergebnisse niemals hinterfragen oder besonders gründlich über­prüfen mussten.
Bertram B. schien wahrlich der Traum eines jeden Arbeitgebers zu sein. Er erledigte die Dinge, mit denen er betraut wurde stets zur vollsten Zufriedenheit und es geschah nur selten, dass er zusätzliche Aufgaben nicht annahm, weil es an benötigten Kapazitäten mangelte. Er verhielt sich unauffällig, beschwerte sich, oder widersprach kaum und gab sich nach Bitten um Gehaltserhöhungen, stets schnell mit Begründungen einverstanden und zufrieden, wieso es diese aktuell nicht, oder nur im sehr viel geringeren Maße als gefordert geben würde. Auch Einführungen strengerer Richtlinien in der Arbeitszeit- und Pausen­­gestaltung, zu denen sich die Arbeitgebenden gezwungen sahen, in Anbetracht grober theoretischer Bedenken, die ihnen spontan eingefallen waren, nahm Bertram gelassen und ohne Murren hin.
Der perfekte Angestellte.
Dem Anschein nach.

Die Fassade war makellos. Das Bild eines treuen Knechts, eines unauffälligen Gesellen, so arglos und folgsam, dass es niemandem in den Sinn gekommen wäre, dass ausgerechnet jener Bertram B. noch diese andere Seite hatte. Niemand ahnte etwas. Sein über Jahre erarbeitetes Saubermann-Image war das ultimative Schutzschild, hinter der sich die eigentliche Durchtriebenheit des Menschen B. verbarg. Ja, da war Durchtriebenheit, die Schattenseite, das zweite Leben. Der dunkle Pfad, dem Bertram nicht aus einem inneren Zwang folgte, dem er sich ausgeliefert fühlte, sondern den er bei klarem Verstand, voller Genuss und Genugtuung beschritt. Ohne Scham und ohne Reue. Bertram B. war Betrüger. Und es war nicht der Bertram B nach Feierabend, der sein wahres, beziehungsweise sein anderes Ich auslebte, es war der Büromensch Bertram selbst, der stets beides in sich trug. Und seine Vorgesetzten auf diese Art so meisterlich zu täuschen wusste.
Es ist wohl das Beste, man schildert beispielhaft eine der typischen Untaten des Bertrams, um die Schwere seiner Verbrechen zu erläutern.
So war es an einem Donnerstag, als B gerade eine E-Mail erhielt, die ihn mit der Bearbeitung einer bedeutsamen Liste betraute. Da besagte Liste Bestandteil eines Projekts war, das sich ein Mitglied der Geschäftsführung eigens mitüberlegt hatte, und in dem jenes Geschäftsführungsmitglied einen eventuellen Prestigegewinn für sich vermutete, wurde sie folgerichtig mit höchster Priorität eingestuft. Selbstverständlich war die Aufgabe dementsprechend äußerst kurzfristig terminiert, da die Zeit besagter Geschäftsführung kostbar war, und man zudem durch taktisch konstruierte Dringlichkeit, die Bedeutung des Projektes zusätzlich steigern wollte.
Bertram B. arbeitete an diesem Tage von zuhause aus. Eine Möglichkeit, die man den Angestellten argwöhnisch und widerwillig einräumte, man hatte sich aber nach vielen Diskussionen dem Betriebsrat gebeugt. Und zumindest mit Blick auf die Personalie Bertram B. hatten die Obrigkeiten keine großen Bedenken, dass dieses Geschenk zum Schaden des Arbeitgebers genutzt werden könnte.
In einem kleinen schmucklosen Zimmer, spärlich beleuchtet, stu­dierte Bertram die E-Mail und die Anhänge, die ihm die bevor­stehende Arbeit erläuterten. Schnell hatte er sich einen Überblick geschaffen, und es entwich ihm ein Lächeln, als sich ihm die Ge­wissheit offenbarte, hier Gelegenheit für seine finsteren Machenschaften zu finden. Listen, wie diese bearbeitete er bereits, seit er vor vielen Jahren seine Anstellung in dem Unternehmen begonnen hatte. Entsprechend erledigte er diese inzwischen sehr viel routi­nierter und folglich schneller als einst. Es war wohl der Beginn seines moralischen Abstiegs, als er, ob bewusst oder unbewusst, damals angefangen hatte, eben jene Leistungssteigerung nicht groß zu kommunizieren, als sich zeigte, dass man eine solchen nicht als Argument für eine Gehaltsanpassung gelten ließ. Heißt: Bertram B. bearbeitete seine Aufgaben inzwischen deutlich schneller, bei meist gleichbleibendem gegebenen Zeitrahmen. Und so geschah es auch an diesem Donnerstag, dass er seinen Dienst gewissenhaft und fehler­frei erledigte, sich jedoch mit dem Übersenden der Daten an die nächsthohe Instanz noch Zeit ließ.
Mit Blick auf sein getanes Werk lehnte er sich zurück. Ein verschwörerisches Funkeln in den Augen. Ehe er das Projekt offiziell abzuschließen gedachte, stand er auf und betrat sein Schlafzimmer neben­­an. Er griff nach einem großen Sack, den er bereits, während einer Zeitlücke eines vorherigen Projektes, präpariert hatte. Es zeichneten sich unförmige Einzelteile darin ab und er verströmte einen unangenehm menschlichen Duft. Er wuchtete den Sack über die Schulter und stieg hinab in den Keller. Dort agierte er schnell, präzise, routiniert. Jeder Handgriff saß. Er öffnete den Sack und stopfte die darin befindlichen dreckigen Klamotten in die Waschmaschine, befüllte diese mit genügend Flüssigreiniger und Weichspüler, wählte das korrekte Programm und schaltete die Maschine an.
Das tiefe Grollen der Wasserzufuhr untermalte den Schrecken seines Verrats. Kalt und reuelos verließ er ohne Eile den Keller, setzte sich wieder an seinen Schreibtisch und schaute sich, um das Verbrechen perfekt zu machen, ehe er die E-Mail mit der fertigen Liste versendete, noch ein lustiges Katzenvideo an, das seine Cousine ihm geschickt hatte.
Pausenzeit schrieb er sich für seine skrupellosen Taten nie auf. Und durch die bloße Tatsache, dass er all seine Arbeiten immer korrekt und fristgerecht erledigte, war es ihm ein Leichtes, seinen Vorge­setzten gegenüber das Bild eines guten Mitarbeiters aufrecht zu erhalten.

Die armen Vorgesetzten. Oh, wüssten sie nur. Schon allein die bloße Vorstellung von Angestellten, die ihre bezahlte Arbeitszeit neben dem Erledigen der gestellten Aufgaben noch mit Tätigkeiten füllten, die ihnen tatsächlich Freude und Zufriedenheit, oder gar Erleichterung des Alltags bescherten, ließ sie vor Entsetzen und Angst erschaudern. Als seien eben jene, die ihre Arbeit so offensichtlich dem Privatleben unterzuordnen schienen, statt mit angemessener Freudlosigkeit das Angestelltenverhältnisses stets zu priorisieren, nicht schlimm genug. Musste man sich da gedanklich wirklich zusätzlich noch damit beschäftigen, dass manche Unterstellten ihre Arbeit nicht nur ertrugen, sondern sie sich gar individuell mit Privatem einvernehmend und angenehm gestalteten? Das kann doch nun wirklich nicht der Sinn der Sache sein. Ist es dann überhaupt noch Arbeit, wenn man es beinahe schon genießt? Sie beruhigten sich damit, sich von solchen Schreckensgestalten verschont zu glauben, da sie eben jene durch harsche vorauseilende Ansagen und Drohungen fernhielten. So glaubten sie. Sie hatten keine Ahnung, dass eine ihrer größten Ängste bereits wahr geworden waren. Sie hatten keine Ahnung von den Machenschaften des Bertram Bs.

Ja, Büroangestellter Bertram B. erdreistete sich, trotz Mahnen seiner Chefs, die Arbeitszeiten bloß nicht für privates zu nutzen, eben dies doch zu tun, während er seine Aufgaben effizient, ohne Stress und Leid zur absoluten Zufriedenheit aller Beteiligten ausübte. Es machte ihn zum Verräter der Arbeitsmoral. Zum ungesehenen Täter im Schatten. Ein Verbrechen, gefürchtet von den einen und doch gefeiert von anderen. Schrecken und Vorbild zugleich. Wenn auch nur theoretisch, denn seine Verbrechen blieben verborgen. Und so sorgte jener Schurke auch weiterhin dafür, dass nicht nur Listen und Tabellen, sondern immer wieder auch ein Lächeln in seinem Gesicht entstand, wo vorher keines war.

 


 

Entstanden für die 24. Ausgabe von „Deis und Ella lesen Dinge vor“ #LesiDinge

Thema: Das perfekte Verbrechen

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