Alles Gut
Alles war gut. Wirklich. Alles war gut. Nichts könnte besser sein. Nichts dürfte schlechter werden, denn nichts könnte sie anders tun. Aber es war ja, wie es war, und wie es war, war es gut. Gut. Beziehungsweise in Ordnung. Nennen wir es ausreichend. So wie es war, reichte es. Zum Aushalten. Zum Überleben. Sie hielt sich. Gerade so. Und das ist doch sehr gut. Solange ab hier eben nur nichts geschehen würde. Einschnitte, also Weitere, wären schwierig. Eigentlich nicht möglich. Aber Einschnitte gab es ja nicht. Oder keine Nennenswerten. Keine Weiteren. Sie hatte Glück. Es ging ihr gut. Sie hatte Job, Familie und eine Wohnung. Es hausten in dieser einige fingernagelgroßen Silberfische, doch Silberfische findet man doch letztlich überall, wo gelebt wird, und tun nichts. Solange also diese Tierchen das ärgste Manko in ihrer Lebenssituation ausmachten, solange sonst nichts war, hinzukam oder ärger wurde, war wirklich alles sehr gut.
Sie hatte einen Job, der sicher war. Bestimmt. Fürs Erste. Die Tatsache außer acht gelassen, dass dieser weit entfernt davon war, sie zu erfüllen, aber solche Ansprüche darf man doch auch nicht an Arbeit stellen, war ihr Job wirklich sehr sicher. Den Umständen entsprechend. Wohl sicherer als andere Stellen, die von Rationalisierungen viel unmittelbarer betroffen waren. Rationalisierungen, die viele andere Menschen die Jobs kosteten. Als Folge des KI-Fortschritts, der immer mehr menschliche Arbeit obsoleter machte oder einfach aufgrund der schwierigen wirtschaftlichen Lage in … nun eigentlich überall. Aber sie hatte ihren Job noch nicht verloren, was gut war. Sie also hatte nicht mit Jobverlust, sondern nur mit Angst vorm Jobverlust zu kämpfen, und sicher besteht allgemeine Einigkeit darüber, dass es einem zehnmal lieber ist, das Damoklesschwert über sich schwebend, als bereits im Schädel stecken zu haben. Ihre Arbeitsstelle war sicher. Also sicherer als die von vielen. Ein bisschen. Also war alles gut. Die allgemeine Lage spornte sie an, mehr zu geben und sich weniger zu beschweren, und das war sehr gut. Die zuletzt stark gestiegenen Lebenskostenerhöhungen waren ein zusätzlicher Anreiz, bei der Arbeit alles zu geben. Auch wenn sie nicht von einer nennenswerten Erhöhung des Gehaltes ausging, egal wie viel Einsatz sie zeigen würde. Nun, aber es war halb so wild, die genannten Kostenerhöhungen hatten sie lediglich an den Rand der Existenzsicherung gebracht, statt darüber hinaus, und nachdem sie alle Abonnements gekündigt, sich gedanklich von Urlauben und verzichtbaren Freizeitausflügen verabschiedet hatte, ließ sich der Alltag noch immer finanzieren, also war alles gut. Solange nun nichts mehr passieren würde.
Auch hatte sie Glück mit ihrer Wohnung. Also nicht, dass diese besonders günstig, groß oder gut gelegen war, aber sie hatte Glück, eine Wohnung zu haben. Größe und Lage waren in Ordnung. Heißt, es gibt deutlich schlechtere Gegenden, und die begrenzte Fläche half ihr gegen Versuchungen, sich zu unnötigen Anschaffungen hinreißen zu lassen, denn diese könnte sie letztlich gar nicht verstauen. Die Gegend könnte man durchaus als belebt bezeichnen, was doch gut ist. Charmant. Quirlig. Das viele Rufen und Lachen der Menschen, die draußen durch die Straßen zogen, steigerte sich nicht immer zu drohendem Brüllen, und so oft hatte sie auch noch nicht die Polizei rufen müssen. Auch die Nachbarn waren meistens friedlich. Alles war gut. Es dürfte sich eben ab sofort nichts mehr bewegen. Höchstens die fingerkuppengroßen Silberfische in ihrer Wohnung. Aber das tat es ja auch nicht. Wäre auch nicht fair, denn sie tat ja bereits alles, was man von ihr erwartete. Als Gesellschaft. Sie arbeitete 40 Stunden die Woche. Also laut Vertrag. Zu den vielen Überstunden konnte sie schlecht nein sagen, also kamen auch schonmal 50 Stunden zusammen, wobei Haushalt, Sozialleben, Sport und Ernährung ein wenig auf der Strecke blieben, was ihr aber letztlich half, ihre Ausgaben recht niedrig zu halten. Die übrige Zeit des Tages benötigte sie zu einem nicht geringen Anteil dafür, Gedanken die sich nicht haben wollte wegzuschieben, Zeit mit ihrer Mutter zu verbringen und zu schlafen. Das war okay. Fehlendes Sozialleben abgesehen von ihrer Mutter und das vernachlässigte Zuhause schadeten der Wirtschaft schließlich nicht, solange sie einigermaßen gesund blieb. Also was mehr konnte sie tun? Klar, das ein oder andere würde man von ihr als Frau schon auch noch erwarten, sie sah allerdings nicht, wie sie das Aufziehen weiterer Menschen stemmen sollte. Auch wenn das auf gewisse Weise von ihr erwartet wurde. Von Menschen, die ratlos waren, wieso so viele Frauen dieser Einsatz- und Opferbereitschaft bei kleiner werdender Unterstützung nicht nachkommen wollten. Sie war eine dieser Frauen und wollte dem auch nicht nachkommen. Oder wollte vielleicht schon, sie hat Kinder immer gemocht, sie sich vielleicht sogar gewünscht, aber sie hatte keine Ahnung, wie sich Kinder in ihr Leben integrieren lassen sollten. Sie hätte kaum Platz, bis auf die fingerlangen, lustig umherschwirrenden Silberfische nichts zum Spielen für Kinder und hielt es auch nicht für realistisch, eine gesunde und ausgewogene Ernährung und sonsteine gesundheitliche Versorgung zu ermöglichen. Also nein. Kinder kamen nicht infrage. So musste sie also mit der Sehnsucht leben. Und mit dem schlechten Gewissen gegenüber sich selbst und den Fordernden, dass sie neben den hundert Prozent im Beruf, nicht nochmal genauso viel in die Kindererziehung, und somit letztlich in das Fortbestehen der eigenen Spezies zu investieren bereit war. Doch abgesehen von der Kritik und den Verurteilungen, mit denen äußere und innere Stimmen sie trafen, war alles gut. Jede wachsende Sorge schob sie so erfolgreich weg, wie die handgroßen Silberfische von ihrer Küchenzeile. Und wenn doch einmal kritisiert wurde, dass das nicht großziehen neuer Menschen in dieser Welt und unter diesen Bedingungen, bedeutete, dass sie egoistisch war, konnte sie noch immer dagegenhalten, dass sie sich durchaus um jemanden anderen als sich selbst kümmerte, nur eben um kein Baby, sondern um eine alte Frau. Vor einigen Jahren hatte es noch so ausgesehen, als käme ihre Mutter mit ihrer Rente gut über die Runden, doch diese Hoffnung hatte sich mit ihrem inzwischen eingetretenen Pflegegrad relativiert. Da man beschlossen hatte, das Pflegen von Mitmenschen stärker zur Aufgabe der Angehörigen zu machen, natürlich bei geringer werdender finanzieller Unterstützung, pflegte sie nun ihre Mutter. Wenn sie nicht gerade arbeitete, Sorgen schob, oder schlief. Da sie es offenbar gestemmt bekam, war alles gut. Es war ein Glück, dass ihr Vater, der ebenfalls pflegebedürftig war, bereits nicht mehr lebte. Aus emotionaler Sicht hätte sie durchaus noch gerne einen Vater, aber das war aus gesamtgesellschaftlicher Sicht betrachtet wohl ein höchst egoistischer Gedanke, schließlich hatte er den Staat ordentlich Geld gekostet, mit seiner vorherigen Weigerung, gesund, jung, vital oder eben verstorben zu sein. Aber nun war also. Ja. Genau. Alles gut.
All ihre Pflichten passten in die ihr zur Verfügung stehenden Zeit hinein. Eigentlich konnte sie sich über zu wenig Zeit ohnehin gar nicht beschweren. Da war viel Zeit in ihrem Leben, andernfalls wäre doch nicht zu erklären, wieso ihr die Arbeitstage so ellenlang vorkamen. Seltsam, dass man es „ellenlang“ nennt, wo doch so eine Elle am Ende eigentlich gar nicht sonderlich lang ist. Gerade mal so lang, wie die haarigen Silberfische in ihrer Wohnung. Aber trotz des unpassenden Vergleichs waren ihre Arbeitstage lang. Gefühlt. Was ein Glück war, denn bei der Fülle an hektischer und körperlich fordernder Arbeit, die nur unterbrochen wurde, um sich Kritik und Vorwürfe seitens hierarchisch höheren Personen anzuhören, hätte man meinen können, die Zeit rausche nur so an ihr vorbei, so, wie sie es über die Stunden nach Feierabend so oft sagte. So wie es war, glichen sich die rasende Zeit nach, und die sich ziehende Zeit bei der Arbeit aus, was unterm Strich zu viel, oder zumindest normal viel Zeit führte. Alles gut.
Wieso sie also dann, trotz all ihres Glückes. Dem Job. Der Familie. Der Wohnung. Wieso sie dann irgendwann nicht mehr weitermachte ist nur schwer zu begreifen. Als man lediglich anmerkte, sie könnte als kinderlose Person doch ein wenig mehr Ausgleich zahlen, als man anmerkte, man würde das Pflegen der Angehörigen eventuell doch nicht mehr mit Rentenpunkten belohnen wollen, es dafür allerdings ein wenig teurer gestalten, als man ihr offenbarte, man wolle es ihrem Arbeitgeber ermöglichen, ihren Vertrag noch ein wenig länger und öfter zu befristen, als sich doch noch die ein oder andere Kostensteigerung in ihrem Alltag ankündigte, als sich abzeichnete, die Suche nach einem Therapieplatz könnte sich durch Kürzungen noch ein wenig länger ziehen, als ohnehin, beschlossen ihr Körper und sie, vor lauter unbegründbarer Erschöpfung ihre kostbare Arbeitsfähigkeit aufzugeben und sich aus dieser Gesellschaft herauszuziehen. Und das, obwohl besagte Gesellschaft sie doch dringend brauchte und obwohl doch alles gut, und anderswo viel schlechter war. Wieso sie bei all diesen optimalen Bedingungen nicht mehr weitermachen konnte, wieso sie ihren Schlaf eines Tages von den üblichen fünf auf unendlich viele Stunden ausweitete, bleibt unbegreiflich. Mannsgroße Silberfische trugen sie, andere mannsgroße Silberfische später ihr Hab und Gut aus der Wohnung, die im Anschluss für nachkommende Mieter ein wenig teurer wurde. Wieso sie all das am Ende doch nicht geschafft hatte, bleibt ein Rätsel. Was man aus ihrer Geschichte wohl lernen kann, ist Demut und Dankbarkeit. Hätte sie davon nur mehr gehabt, wäre alles Gut gewesen. Doch am Ende war sie wohl einfach undankbar. Undankbar und faul.
Entstanden für die 25. Ausgabe von „Deis und Ella lesen Dinge vor“ #LesiDinge
Thema: Silber
alle 2 Monate streamen wir live auf twitch.tv/hirnbraten

Kommentare
Kommentar veröffentlichen